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Christen in der arabischen Welt

In Kooperation mit AKIJA e.V. und der Evangelischen Landeskirche in Baden

 

Der Nahe Osten wird von der hiesigen Öffentlichkeit gemeinhin als eine Region wahrgenommen, die ausschließlich durch islamisch legitimierte Glaubens- und Handlungsmuster geprägt ist. Dabei wird häufig übersehen, dass in einigen Ländern der arabischen Welt das Christentum bereits lange vor der Ausbreitung des Islam existierte und sich in den einzelnen Regionen ganz unterschiedlich entwickelte, sodass in manchen Ländern christliche Konfessionen bis zum heutigen Tag eine nennenswerte Minderheit neben den verschiedenen islamischen Gruppierungen stellen.


Das Ziel der von und projektierten Veranstaltungsreihe soll es sein, der Öffentlichkeit eine Vorstellung von der geschichtlichen Entwicklung des Christentums in der arabischen Welt zu vermitteln und sich dann auf die aktuelle Situation der autochthonen christlichen Minderheiten zu konzentrieren.


Kennzeichnend für die Situation des orientalischen Christentums ist die starke Zersplitterung in verschiedenste Konfessionen, die manchmal auch über eine eigene ethnische Identität verfügen, sowie das Zusammenleben mit einer arabisch-islamischen Mehrheitskultur. Die verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten bedingen dabei auch die unterschiedlichen Positionen der orientalischen Christen. Während Christen in Syrien oder dem Libanon relativ große Freiheiten bei der Ausübung ihres Glaubens genießen, sehen sich ihre Glaubensbrüder im Irak in jüngster Zeit mit Anschlägen und Morden konfrontiert, die eine immer schnellere Abwanderung zur Folge haben und für das Fortbestehen der christlichen Gemeinde in diesem Land existenzbedrohend sind.


Unsere Vortragsreihe will versuchen, all diese Entwicklungen soweit wie möglich auf einer objektiven Grundlage zu thematisieren, ohne dabei polemisch und einseitig Schuldzuweisungen auszusprechen, aber auch ohne die Lage zu verharmlosen. Zu diesem Zweck ist angedacht, die Situation aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Zunächst soll dazu ein wissenschaftlicher Experte zur Lage der orientalischen Christen referieren. In einer weiteren Veranstaltung wird eine Person, die die Lage der Christen aus eigener Anschauung kennt, über das Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen berichten; abschließend soll ein Amtsträger einer autochthonen christlichen Glaubensgemeinschaft seine Sicht der Dinge darlegen.

 

Die Vorträge der Reihe:

Mittwoch, 26.Oktober, 20 Uhr
Prof. Dr. Martin Tamcke
Universität Göttingen
„Christen in der arabischen Welt — Überblick, Geschichte, aktuelle Entwicklungen”

Donnerstag, 10. November, 20 Uhr
Dr. Habib Badr
Leitender Geistlicher der National Evangelical Church in Beirut / Libanon und Geschäftsführender Generalsekretär des Ökumenischen Kirchenrats im Mittleren Osten
„Die Ökumene der christlichen Kirchen im Mittleren Osten

 

Alle Veranstaltungen fanden im Ernst-Lange-Haus/Evangelisches Forum, Habsburgerstraße 2, Freiburg statt.

Berichte zur Reihe

„Christen in der arabischen Welt — Überblick, Geschichte, aktuelle Entwicklungen”

Zum Auftakt der zweiteiligen Vortragsreihe „Geschichte und aktuelle Situation der Christen in der arabischen Welt” hielt am Mittwoch, den 26. Oktober 2011, der Theologe Herr Prof. Dr. Martin Tamcke einen Vortrag zum Thema „Christen in der arabischen Welt — Überblick, Geschichte, aktuelle Entwicklungen”. Die zweiteilige Vortragsreihe „Geschichte und aktuelle Situation der Christen in der arabischen Welt” wurde vom Orient-Netzwerk e.V. in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Landeskirche in Baden und dem AKIJA e.V. (Arbeitskreis Internationale Jugendarbeit) organisiert. Im Ernst-Lange Haus, dem Evangelischen Forum in Freiburg, fanden sich am Abend des 26. rund dreißig Interessierte unterschiedlichen Alters ein, die den Ausführungen von Herrn Tamcke gespannt folgten.

Auf souveräne Weise gelang es Herrn Tamcke, dem Publikum einen Einblick in die komplexe und vielschichtige Situation der Christen in der arabischen Welt zu geben, sowohl historisch als auch aktuell. Im Mittelpunkt standen dabei zunächst die Kopten in Ägypten. Bald entwickelte sich jedoch aus dem freien und äußerst interessanten Vortrag von Herrn Tamcke ein Dialog mit dem Publikum. Die Zuhörer erwiesen sich als sehr engagiert und stellten Fragen zu spezifischen Ländern und Glaubensgruppen. Herr Tamcke ging auf alle Fragen freundlich ein, und so erfuhr das Publikum viel Wissenswertes nicht nur über die Situation der Kopten in Ägypten, sondern auch über die Lage von Christen in geschichtlich und politisch so ungleichen Ländern wie Palästina / Israel, Syrien, Türkei und Tunesien. Das Interesse des Publikums und das Wissen Herrn Tamckes versiegten nicht, und beide Seiten hätten bis weit in die Nacht hinein weiter diskutieren können. Schließlich jedoch ergriff Herr Pfarrer Wolfgang Schmidt das Wort und führte den Abend mit dem Kommentar „Spannend wie ein Krimi oder spannender” zu einem gelungenen Ende.

Autorin: M. Fischer 

Die Ökumene der christlichen Kirchen im Mittleren Osten

Die zweite Veranstaltung unserer Vortragsreihe „Geschichte und aktuelle Situation der Christen in der arabischen Welt” hatte „Die Ökumene der christliche Kirchen im Mittleren Osten” zum Thema. Erneut hatten sich rund 20 Interessierte eingefunden, die zunächst der Einführung von Peter Scherhans vom „Kirchlichen Entwicklungsdienst” der „Evangelischen Landeskirche in Baden” lauschten, der zu Beginn unseren Referenten vorstellte. Dr. Habib Badr ist im Libanon geboren und aufgewachsen und absolvierte dort zunächst ein theologisches Studium, bevor er auf amerikanische Spitzenuniversitäten wechselte. Danach war er als Pfarrer der ältesten protestantischen arabischsprachigen Gemeinde der Welt, der „National Evangelical Church of Beirut”, in der libanesischen Hauptstadt tätig und engagierte sich in dieser Position tatkräftig im interreligiösen Dialog und der Ökumene.

Zu Beginn seines Vortrages, der auf Englisch stattfand und durch Hr. Scherhans übersetzt wurde, äußerte Dr. Badr zunächst sein Bedauern darüber, dass westliche Christen kaum etwas über ihre orientalischen Glaubensbrüder wüssten und häufig jeden Araber vorschnell als Muslim betrachten würden. Um zumindest seinen heutigen Zuhörern auf die Sprünge zu helfen, gab er zunächst einen Überblick über die verschiedenen christlichen Denominationen des Mittleren Ostens und verteilte zu diesem Zweck eine sehr anschauliche Grafik, auf der alle 16 verschiedenen Kirchenorganisationen dieser Region anhand ihrer Entstehung eingeordnet wurden. Im Anschluss schilderte er die Entwicklung der rechtlichen Situation religiöser Minderheiten im Libanon. Zwischen dem 7. und dem 17. Jahrhundert unterlagen diese dem so genannten Dhimmi-System, dass diesen zwar den Schutz der herrschenden sunnitischen Schichten und weitgehende Glaubensfreiheit zusicherte, ihnen aber zugleich gewisse Beschränkungen auferlegte, wie etwa eine Kopfsteuer, eine Begrenzung der Zugangsmöglichkeiten zu Staatsämtern und eine vollständige Unterwerfung unter das religiöse islamische Recht. Im 17. Jahrhundert führten die Osmanen dann das so genannte Millet-System ein, was insofern eine gewisse Verbesserung darstellte, als dass den verschiedenen Minderheitenkonfessionen nun eine gewisse Autonomie gewährt wurde und sie beispielsweise im Familienrecht weitgehend selbstständig agieren konnten, auch wenn die Macht weiterhin ausschließlich in sunnitischer Hand lag. Erst das Entstehen der modernen Staatenwelt und namentlich die Gründung arabischer Nationalstaaten nach dem Versailler Vertrag sollten einen erneuten Wandel herbeiführen und für den Libanon ein konfessionelles System hervorbringen, bei dem die Macht zwischen den verschiedenen religiösen Gruppierungen (Sunniten, Schiiten, diverse christliche Kirchen und Drusen) aufgeteilt wurde, was von jeder Seite ein gewisses Maß an Kompromissbereitschaft erforderte. Der aktuelle Proporz und die Verteilung der Macht beruht dabei weitgehend auf Gewohnheitsrecht und ist nirgendwo schriftlich fixiert. Der Vorteil dieses Systems ist seine ausgleichende Wirkung, die dazu führt, dass auch sich auch Minderheiten an der Entscheidungsfindung beteiligen können. Der Nachteil ist allerdings eine weitgehende Konfessionalisierung, die sich in allen Lebensbereichen auswirkt. Zudem führt dies dazu, dass nicht immer der am besten geeignete Kandidat ein Amt erhält, sondern jener, der als der beste Vertreter seiner Religionsgemeinschaft gilt.

Als Grund für den Zusammenbruch dieser Ordnung in den 1970er-Jahren, die schließlich in den jahrzehntelangen Bürgerkrieg mündete, sieht er äußere Umstände, die das fragile Gleichgewicht des Libanon gestört hätten. Zu erwähnen sei hier vor allem der nördliche Nachbar Syrien und im Süden der Konflikt mit Israel, in dessen Folge eine große Zahl an Palästinensern in den Libanon floh und dort bis heute weitgehend außerhalb der libanesischen Gesellschaft steht, die mit deren Integration überfordert sei.

Nichtsdestotrotz ist er der Meinung, dass westliche und östliche Christen viel voneinander lernen könnten, gerade auch hinsichtlich des Zusammenlebens mit Muslimen, wo die orientalische Christenheit große Erfahrung besitzt und verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt habe. Zugleich warnte er auch vor überzogenen Erwartungen in Folge der aktuellen Umbrüche in der arabischen Welt. Eine Demokratie im westlichen Sinne scheint dort zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht in Sicht. Sie ist zudem vielleicht nur ein Weg, aber nicht unbedingt das angestrebte Ziel, das vielleicht eher in einer „consensual democracy” liegen könnte.

Nach diesem Ausblick hatte das Publikum die Möglichkeit zur Rückfrage, was eifrig in Anspruch genommen wurde. Einen Schwerpunkt bildete dabei der Palästinakonflikt, bei dem Dr. Badr davon ausging, dass die Palästinenser 1948 eine Chance auf Frieden vergeben hätten, indem sie einen Teilungsplan ablehnten und Israel im jetzigen Augenblick den gleichen Fehler begehen würde, wenn es einen Palästinenserstaat ablehnt. Nur eine uneingeschränkte und echte gegenseitige Anerkennung biete eine ernsthafte Chance auf einen dauerhaften Frieden. Ein weiteres Thema bildete die Ökumene der verschiedenen christlichen Konfessionen im Libanon. Dr. Badr zeigte beispielhaft auf, wie auf kirchlicher, diakonischer und politischer Ebene eine Zusammenarbeit der verschiedenen christlichen Gruppierungen stattfindet und welche Probleme und Konflikte einer Vertiefung der Beziehungen noch im Wege stehen.

Insgesamt bot der Vortrag einen hervorragenden Einblick in die Situation der Christen im Mittleren Osten und hier ganz besonders im Libanon. Die vielen anschaulichen Beispiele aus dem Alltag und die Behandlung der inneren Situation der Kirchen, als auch ihre Einordnung in das religiöse und politische Umfeld bildeten eine gute Ergänzung zum ersten Vortrag von Prof. Dr. Tamcke und ermöglichten den Zuhörern, sich ein schlüssiges Bild von der Lage der Christen in der Region zu machen und motivierten dazu, sich weiterhin mit der Thematik zu beschäftigen.

Autor: J. Bork 

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